„Iran mit Packraft – auch als Frau möglich“

Nachdem wir in den letzten Jahren im Iran hauptsächlich Wüsten und Berge durchquerten, beschlossen wir nun bei der Reise im 2019 die Flüsse des Irans näher zu erkunden. Die Schluchten im Iran haben sehr viele Gemeinsamkeiten mit den geologischen Formationen in den USA und Ethiopien. Eine der berühmtesten Schluchten ist ja der Grand Canyon der USA. Was wir aber hier auf unserer Reisen gesehen haben, übertrifft alles. In diesem Land wimmelt es nur so von Schluchten.

Unsere Freunde im Iran sendeten immer wieder Fotos von Ihren Wasserfahrten mit Flosse und Autoreifen, was uns am meisten  daran immer wieder erstaunte war die lockere Bekleidung der „Paddler“. Anscheinend geht es doch sehr einfach auch für Frauen. Der Dresscode der Iraner wie immer: Draussen in der Natur Kopftuch weg, Ärmel nach hinten – in der Zivilisation – Tuch locker über den Hinterkopf, Ärmel runter.

Schnell beschlossen wir nicht die Ally Wildwasser Faltkanadier mitzunehmen, sondern die Packrafts. Für ungeplante Portagen sicher erleichternd und auch sonst in Wildwasser eher vorteilhaft.

Eine Paddelreise im Iran zu planen erinnerte uns an die Zeiten vor 35 Jahren. Detailkarten: vergiss es – Flussbeschreibungen: vergiss es. Nur die militärischen Karten der ehemaligen UdSSR im Massstab 1: 50‘000 zeigen mehr Details. Doch mit Google Earth und Open Street Maps konnte langsam ein Überblick geschaffen werden. Gerade OSM bringt mit den Höhenlinien und Details mehr Infos. Trotzdem, Informationen für den Grand Canyon des Iran im Iran zu bekommen ist aussichtslos. Weder der iranische Raftingverband noch Kanuverband hatte Informationen zur Befahrung der Schluchten im Westen des Landes. Aber dies darf auch nicht verurteilt werden. Zu lange schon ist dieses Land in der Isolation der Mullas. Erst langsam entdecken die Iraner wieder das Zelten, Wandern, MTB und Paddeln und gehen raus in die Natur an den Wochenenden und  Ferien. Das System lässt es nun zu und somit entwickelt sich wieder der Tourismus und damit auch die Erfahrungen. Mit Rappid Mapping, Einzeichnen von potentiellen Stromschnellen und Datentransfers mit KMZ auf OSM und GM konnte langsam eine gewisse Übersicht auf das Handy gebracht werden. Ob dies dann auch weit weg von Handyantennen und Satelliten funktioniert wussten wir nicht. Ein Papierausdruck zeigte dann sehr schnell vor Ort dass es doch effizienter war, als das kleine Handy Display und einer schnellen Orientierung in den Stromschnellen.

…Abas erwartete uns erfreut am Flughafen in Sustar, hatten wir doch mit Ihm einen sehr guten Fahrer und Dolmetscher (Farsi und Arabisch) in den letzten Reisen gehabt. Und auch mit seinem Taxiunternehmen wussten wir, dass das Fahrzeug auf einem „sicheren“ Stand war. Bei einem Safran-Eis mit Rosenwasser erklärten wir ihm unser Vorhaben. Mit viel Skeptik willigte er ein uns auf diesen 20 Tagen zu begleiten.

Um mal zu sehen wie „einfach“ das Paddeln im Iran wird, beschlossen wir den Dez und Karun Fluss zum Einpaddeln zu nehmen. Vorher aber noch in den Bazar und ein langärmeliges Badekleid (eher lockeres Hemd) für Angie suchen.

In den Ebenen des ehemaligen Dreistromlandes vereinigte sich Euphrat, Tigris und Karkeh (nach dem Zusammenfluss mit Dez und Karun) zu einem riesigen fruchtbaren, jährlich überschwemmten, Land. Babylon entstand hier. Durch enorme Stauseeprojekte in den Bergen, sind die Flüsse heute in der Ebene gezähmt und Hochwasser ist nur noch selten anzufinden. In der Blütezeit der Perser wurden an bestimmten Orten der Flüsse Wassermühlen, Bewässerungssysteme und riesige Brücken durch römische Kriegsgefangene gebaut. Dabei wurden die natürlichen Gefälle des Flusses benützt. Hier, zwischen den alten Ruinen der Wassermühlen paddelten wir in herrlichem WW 3-4 und glasklarem Wasser. Auch ein erster Test wie es wohl ankommt, dass eine ausländische Touristenfrau paddelt. Doch die Befürchtung, dass wie in Pakistan, Indien, Afrika oder sonst wo hunderte von Schulustigen auftauchen, traf nicht ein. Obwohl wir in einer                  1 Millionen Stadt paddelten, schauten nur die wenigen verliebten Pärchen am Fluss zu und wir mussten natürlich überall auf ihre Selfies drauf.

Nach einem leckeren Essen in einem der Restaurants am Fluss und angenehmen 28 Grad Lufttemperatur (vor 2 Wochen war es in der Wüstenstadt noch Herbst mit 45 Grad) heisst es nun rauf auf 2500 meter zum Grand Canyon des Iran. Anscheinend hat es dort schon geschneit…. Über Schotterstrassen gewinnen wir langsam an Höhe, immer näher an die irakische Grenze kommend. Abas bekommt etwas „schiss“. Schmuggler und die religiösen Volksstämme haben einen etwas anderen Charakter, doch auch hier ist die iranische Freundlichkeit überwältigend und unsere Bedenken werden etwas beruhigt.

„horseshoe bend“ des Grand Canyon des Iran … von oben herunter schauen wir in diese Schleife 1 km tiefer. Der Wasserstand scheint uns als niedrig, so gegen 50 bis 80m3 (anhand der Wasserlinie war das zerstörerische April Hochwasser im Frühling über 50 Meter höher. Die Hängebrücken unten wurden heruntergerissen was uns die Nomaden erzählen). Die Dimension dieser Landschaft wird uns nun klar: Einmal drinnen, immer drinnen. Es gibt kein heraus. Die geplanten 40 km müssen wir durch…auf Biegen und Brechen.

…die Packrafts sind gepackt: Notausrüstung mit Seilen für einen Kletterausstieg wie auch Notübernachtungsmaterial denn, kurzfristig beschliessen wir 10 km weiter oben einzusteigen. Aus den geplanten 40 km wird also 50 km und dies in einem Zeitfenster von 8 Std in einem unbekannten Fluss.

Wir paddeln los; der Fluss und das Tal ist breit, schnell wird es zu einem stetigen WW 2+ mit hohen Wellen und schnellen Absätzen sowie scharfen Kurven. Wie wird es wohl erst in der grossen Schlucht werden? Kehrwasser gibt es anhand dem Gefälle und der 80 cm hohen Ufer wenig.

…und dann, schneller als Gedacht, kommt die erste markierte Stelle (Abfall mit Katarakt) wo wir vorher aussteigen sollten. 50-70m3 Wasser schiessen über einen 3 Meter Abfall mit Walze und Wellen und dann in eine 500 Meter langen 5 meter breite Klamm mit Unterspülungen, Wirbel und Pilze. Die Packrafts wirbelt es umher, schlagen an die Wände… heisser Kaffee, ein Sandwich, warme Jacke anziehen, das Schwimmen nach der Kenterung hat Kraft gekostet und wir sind noch nicht mal anfangs Schlucht.

Das Risikomanagement muss geändert werden: früher raus, ansehen, portage oder fahren. Wir stellen uns auf eine Nacht in der Schucht ein.

…doch die Wassergötter haben Geduld… Auf den nächsten 25 km keine grossen Abfälle oder hohe Wellenberge. Dafür hohe, imposante Schichtformationen mit den tollsten Rottönungen lassen wunderschöne Fotos zu. Wir geniessen es in vollen zügen. An den Wänden hängen abgerissene Hängebrücken vom Hochwasser.

Ich halte inne und nehme diesen Moment für Bruno mit. Ich bin mir sicher er schaut da oben vom Himmel runter. „Sali Bruno, wir sind im „Grand Canyon des Iran“, du bist mit uns dabei.

… ein Alarmton ertönt aus meinem Handy, Stromschnelle vor uns. Offline und die kmz Dateien funktionieren. Ab hier sollte es ziemlich eng werden. Die Geologie verändert sich schlagartig. Grosse haushoche Felsbrocken überall, das Rauschen wird enorm, das Wasser zwängt sich durch dieses Labyrint. „Auf Sicht fahren“ wird zur Unmöglichkeit. Anlanden, ansehen, fahren oder Portage und wir haben nur noch 3 Std Tageslicht.

Auf den nächsten 10 km müssen wir über 15-mal anlanden und entscheiden. Das Umtragen wird von mal zu mal anstrengender und ein Versuch eine WW IV Schnelle zu paddeln endet in einer langen Tauch- und Schwimmphase.

Und dann plötzlich, kleine grüne Oasen mit heissen Schwefelquellen säumen die breit werdenden Ufer. Ein nomadischer Schafhirte winkt mit seinen Schafen vom Ufer aus. Der Canyon öffnet sich mehr und mehr, das Flussbett ändert sich, schnell fliessend, steil aber ohne Hindernisse.

Nach 9 Stunden erreichen wir kurz vor Dunkelheit die Ausbootstelle. Hoch oben winkt Abas. Er wird wohl glücklich sein, denn irgendwann kamen Whats Apps herein wo er uns warnte, dass die Einheimischen sagen, dass es kein Durchkommen in der Schlucht gäbe und alle bis jetzt umgekommen sind die es versucht haben (Anmerkung von uns, sie versuchten in langen Pontonbooten mit Motor da durch zu kommen).

Glücklich und müde kauen wir an Granatäpfel und Nüssen, dazu schlürfen wir Safrantee. Wir sind uns klar, wir kommen das nächste Jahr wieder und paddeln noch den oberen und unteren Teil des Canyons. Das sind noch 250 km …….

… die Boote im Fahrzeug verstaut, tauchen wir die nächsten Tage in die persische Welt der farbigen, duftenden Bazars und alten Städten ein. Hier geniessen wir das wundervoll zubereitete persische Essen, die enorme iranische Gastfreundschaft dieses Volkes, unendliche Sanddünen und vieles mehr. Leider mussten wir unseren Plan noch in die Salzwüste zu paddeln aufgeben. Dichter Schneefall und das Zufrieren der kleinen Creeks verhinderte dies.

Wir werden dann im 2020 dies mit der Paddeln, Kiten und MTB Expeditionsdurchquerung der iranischen Wüste kombinieren.

Wir freuen uns schon darauf. Es hat noch Buchungsplätze frei!