“Iran mit Packraft – auch als Frau möglich”

Nachdem wir in den letzten Jahren im Iran hauptsächlich Wüsten und Berge durchquerten, aber trotzdem immer ein Auge auf dei Flüsse hatten, beschlossen wir die Reise im 2019 auf die Erkundung der Flüsse im Iran zu fokusieren. Die Schluchten im Iran haben sehr viele Gemeinsamkeiten mit den geologischen Formationen in den USA und Ethiopien. Eine der berühmtesten Schluchten ist ja der Grand Canyon der USA. Was wir aber hier auf unserer Reisen vorher gesehen haben, übertrifft alles. In diesem Land wimmelt es nur so von Schluchten.

Unsere Freunde im Iran sendeten immer wieder Fotos von Ihren Wasserfahrten mit Autoreifen auf den breiten Flüssen, was uns am meisten daran immer wieder erstaunte, war die lockere Bekleidung der “Paddler-innen”. Anscheinend geht es doch sehr einfach auch für Frauen. Der Dresscode der Iraner wie immer: Draussen in der Natur Kopftuch weg, Ärmel nach hinten – in der Zivilisation unter der Kontrolle der Religion – Tuch locker über den Hinterkopf, Ärmel runter, alles bedecken.

So ist der Beschluss ganz klar. Nach 3 Jahren Reisen im Iran wagen wir uns nun an das Wasser. Um nicht mit zuviel Gepäck vorwärts zu kommen wurde das Ally Wildwasser Faltkanadier mit dem Packraft getauscht. Weniger Gepäck für die kleinen Autos im Iran und doch aber mehr Sicherheit und Reserve auf den Flüssen. Das Ally nehmen wir dann für die Karunseen im 2020.

Planung: Eine Paddelreise im Iran zu planen erinnerte mich an die Zeiten vor 35 Jahren. Detailkarten: vergiss es – Flussbeschreibungen: vergiss es. Nur die militärischen Karten der ehemaligen UdSSR im Massstab 1: 50‘000 zeigen mehr Details. Doch mit Google Earth und Open Street Maps konnte langsam ein Überblick geschaffen werden. Gerade OSM bringt mit den Höhenlinien eine doch gute Ansammlung an geographischen Infos, was zur Einschätzung der WW-Schwierigkeit und aber auch der Flussstruktur beihalf. Informationen für den Grand Canyon des Iran im Iran selber zu bekommen ist aussichtslos. Weder der iranische Raftingverband, noch Kanuverband hatte irgendwelche Informationen zur Befahrung der Schluchten im Westen des Landes. Aber dies darf auch nicht verurteilt werden. Zu lange schon ist dieses Land in der Isolation der Mullas. Erst langsam entdecken die Iraner wieder das Zelten, Wandern, MTB und Paddeln und gehen raus in die Natur an den Wochenenden und Ferien. Das System lässt es nun langsam zu und somit entwickelt sich wieder der Tourismus und damit auch die Erfahrungen. Wir fanden dann doch Karten in Theran an einer offiziellen Stelle, aber mit 20 Karten für 300 km paddeln war es dann doch etwas zuviel.

Mit Rappid Mapping, Einzeichnen von potentiellen Stromschnellen und Datentransfers mit KMZ auf OSM und GM konnte langsam eine gewisse Übersicht auf das Handy gebracht werden. Ob dies dann auch weit weg von Handyantennen und Satelliten funktioniert wussten wir nicht. Ein Papierausdruck zeigte dann sehr schnell vor Ort dass es doch effizienter war, als das kleine Handy Display und einer schnellen Orientierung in den Stromschnellen. (…und wir kamen dann auch in die Unruhen und dem Abschalten des Handy und Internet Netzes über Wochen hinein – Positionsbestimmung mit Handy? :good by!. Aber mit dem Dual GPS Empfänger konnten wir doch mit dem Handy dann die Koordinaten jederzeit abholen.)

und dann mal sehen wie es geht mit paddeln …Abbas erwartete uns erfreut am Flughafen in Sustar, hatten wir doch mit Ihm einen sehr guten Fahrer und Dolmetscher (Farsi und Arabisch) auf den letzten Reisen gehabt. Und auch mit seinem Taxiunternehmen wussten wir, dass das Fahrzeug auf einem “sicheren” Stand war. Bei einem Safran-Eis mit Rosenwasser erklärten wir ihm unser Vorhaben. Mit viel Skeptik willigte er ein uns auf diesen 20 Tagen zu begleiten.

Um mal zu sehen wie “einfach” das Paddeln im Iran als Frau und generell wird, beschlossen wir den Dez und Karun Fluss rund um Sustar zum Einpaddeln zu nehmen. Vorher aber noch in den Bazar und ein langärmeliges Badekleid und zusätzliches Kopftuch  (eher lockeres Hemd) für Angie suchen.

Dreistromland. In den Ebenen des ehemaligen Dreistromlandes vereinigt sich Euphrat, Tigris und Karkeh (nach dem Zusammenfluss mit Dez und Karun) zu einem riesigen fruchtbaren, jährlich überschwemmten, Land. Babylon und eine Weltherrschaft entstand hier. Durch enorme Stauseeprojekte in den Bergen, sind die Flüsse heute in der Ebene des Grenzgebiets zum Irak gezähmt und Hochwasser ist nur noch selten anzufinden. In der Blütezeit der Perser wurden an bestimmten Orten der Flüsse Wassermühlen, Bewässerungssysteme und riesige Brücken durch römische Kriegsgefangene gebaut. Dabei wurde das natürliche Gefälle welches an diesen Orten über Stufen und Katarakte sich änderte benützt. Hier wollen wir uns mal etwas einpaddeln. Doch wie ziehen wir und am Fluss um? Das kennen die Iraner nicht und wenn, dann sind nur die Männer da. Frauen dürfen ja keine nackten Männer sehen (freie Männerbeine = Nacktheit und Verführung). Und eben, Frauen am Wasser. Unsere männlichen Begleiter sagen einfach, “Deine Frau” muss den Dresscode einhalten, also bedeckt sein (ACHTUNG, im Iran ist das Gesicht und 80% der Haare frei, es muss ein Hijab getragen werden). Na dann, Angie in den Biwacksack stecken, Kleider reingeben und die mobile Umkleidekabine ist erfunden.

Und bis dann das Packraft am Fluss war, wir eingestiegen sind hat sich doch eine Anzahl Iraner am Fluss versammelt…aber alle nur positiv was wir machen und wie immer schallt es: “Hello wellcome to Iran, do you like it? Can we make a picture with you? Do you have a whats app number?” … und dann plötzlich auch viele Frauen die klatschten, winkten und diese “Frauen Power Aktion” begrüssen.

…zwischen den alten Ruinen der Wassermühlen paddeln wir in herrlichem WW 3-4 und glasklarem Wasser. Ein erster Test wie es wohl ankommt, dass eine ausländische Touristenfrau paddelt haben wir bestanden. Doch die Befürchtung, dass wie in Pakistan, Indien, Afrika oder sonst hunderte von Schulustigen auftauchen, traf nicht ein. Obwohl wir in einer 1 Millionen Stadt paddelten, schauten nur die wenigen verliebten Pärchen am Fluss zu und wir mussten natürlich überall auf ihre Selfies drauf.

Nach einem leckeren Essen in einem der Restaurants am Fluss und angenehmen 28 Grad Lufttemperatur (vor 2 Wochen war es in der Wüstenstadt noch Herbst mit 45 Grad) heisst es nun rauf auf 2500 meter zum Grand Canyon des Iran. Anscheinend hat es dort schon geschneit…. Über Schotterstrassen gewinnen wir langsam an Höhe, immer näher an die irakische Grenze kommend. Abas bekommt etwas „schiss“. Schmuggler und die religiösen Volksstämme haben einen etwas anderen Charakter, doch auch hier ist die iranische Freundlichkeit überwältigend und unsere Bedenken werden etwas beruhigt.

…”horseshoe bend” des Grand Canyon des Iran … von oben herunter schauen wir in diese Schleife 1.5 km tiefer. Der Wasserstand scheint uns als niedrig, so gegen 50 bis 80m3 (anhand der Wasserlinie war das zerstörerische April Hochwasser im Frühling über 50 Meter höher). Die Hängebrücken unten wurden heruntergerissen was uns die Nomaden erzählen. Die Dimension dieser Landschaft wird uns nun klar: Einmal drinnen, immer drinnen. Es gibt kein heraus. Die “geplanten” 40 km müssen wir durch…auf Biegen und Brechen. Mit einer Schätzung von 6 bis 7 km/h sollten wir nach 7 Stunden durch sein.

…die Packrafts sind gepackt: Notausrüstung mit Seilen für einen Kletterausstieg wie auch Notübernachtungsmaterial in den Schläuchen verpackt und dann kurzfristig, beschliessen wir 10 bis 15 km weiter oben einzusteigen um uns einzupaddeln und einen Notaustieg vor der Schlucht zu planen falls es nicht gehen würde. Aus den geplanten 40 km wird also 50 km und dies in einem Zeitfenster von 8 bis 9 Std in einem unbekannten Fluss. Have fun.

Wir paddeln los; der Fluss und das Tal ist breit, schnell wird es zu einem stetigen WW 2+ mit hohen Wellen und schnellen Absätzen sowie scharfen Kurven mit Unterspülungen. Wie wird es wohl erst in der grossen Schlucht werden? Kehrwasser gibt es anhand dem Gefälle und der 80 cm hohen Ufer wenig.

…und dann, schneller als Gedacht, kommt die erste markierte Stelle (Abfall mit Katarakt) wo wir vorher aussteigen sollten. 50-70m3 Wasser schiessen über einen 3 Meter Abfall mit Walze und Wellen und dann in eine 500 Meter langen 5 meter breite Klamm mit Unterspülungen, Wirbel und Pilze. Die Packrafts wirbelt es umher, schlagen an die Wände… heisser Kaffee, ein Sandwich, warme Jacke anziehen, das Schwimmen nach der Kenterung hat Kraft gekostet und wir sind noch nicht mal anfangs Schlucht.

Das Risikomanagement muss geändert werden: früher raus, ansehen, portage oder fahren. Wir stellen uns auf eine Nacht in der Schlucht ein, ja sogar mit einem Klettern durch die Schucht hinauf.

…doch die Wassergötter haben Geduld… Auf den nächsten 25 bis 30 km keine grossen Abfälle oder hohe Wellenberge. Dafür hohe, imposante Schichtformationen mit den tollsten Rottönungen lassen wunderschöne Fotos zu. Wir geniessen es in vollen zügen. An den Wänden hängen abgerissene Hängebrücken vom Hochwasser. Was für eine Expedition.

Ich halte inne und nehme diesen Moment für Bruno mit. Ich bin mir sicher er schaut da oben vom Himmel runter. “Sali Bruno, wir sind im „Grand Canyon des Iran“, du bist mit uns dabei”.

… ein Alarmton ertönt aus meinem Handy, reisst uns aus dem Trümen in die Realität. Stromschnelle vor uns. Offline und die kmz Dateien funktionieren tatsächlich. Ab hier sollte es ziemlich eng werden. Die Geologie verändert sich schlagartig. Grosse haushoche Felsbrocken überall, das Rauschen wird enorm, das Wasser zwängt sich durch dieses Labyrint. “Auf Sicht fahren” wird zur Unmöglichkeit. Anlanden, ansehen, fahren oder Portage und wir haben nur noch 3 Std Tageslicht. Auf den nächsten 10 km müssen wir über 15-mal anlanden und entscheiden. Das Umtragen wird von mal zu mal anstrengender. Die Kräfte lassen nach und der Krampf in Beinen und Händen unerträglich.

…und dann plötzlich, kleine grüne Oasen mit heissen Schwefelquellen säumen die breit werdenden Ufer. Ein nomadischer Schafhirte winkt mit seinen Schafen vom Ufer aus. Der Canyon öffnet sich mehr und mehr, das Flussbett ändert sich, schnell fliessend, steil aber ohne Hindernisse.

Nach 10 Stunden erreichen wir kurz vor Dunkelheit die Ausbootstelle. Hoch oben winkt Abas. Er wird wohl glücklich sein als wir, denn irgendwann kamen Whats Apps herein wo er uns warnte, dass die Einheimischen sagen, dass es kein Durchkommen in der Schlucht gäbe und alle bis jetzt umgekommen sind die es versucht haben (Anmerkung von uns, sie versuchten in langen Pontonbooten mit Motor da durch zu kommen).

Glücklich und müde kauen wir an Granatäpfel und Nüssen, dazu schlürfen wir Safrantee. Wir sind uns klar, wir kommen das nächste Jahr wieder und paddeln noch den oberen und unteren Teil des Canyons. Das sind nochmals 250 km …

… die Boote im Fahrzeug verstaut, tauchen wir die nächsten Tage in die persische Welt der farbigen, duftenden Bazars und alten Städten ein. Hier geniessen wir das wundervoll zubereitete persische Essen, die enorme iranische Gastfreundschaft dieses Volkes, unendliche Sanddünen und vieles mehr. Leider mussten wir unseren Plan noch in die Salzwüste zu paddeln aufgeben. Dichter Schneefall und das Zufrieren der kleinen Creeks verhinderte dies.

Wir werden dann im 2020 dies mit der Paddeln, Kiten und MTB Expeditionsdurchquerung der iranischen Wüste kombinieren.

Wir freuen uns schon darauf. Es hat noch Buchungsplätze frei!